Wenn Junge sterben wollen

25.04.2012

Die Leiterin der Beratung + Hilfe 147 über Chancen und Grenzen der telefonischen Hilfe und das Tabuthema Jugendsuizid.

Weshalb rufen Jugendliche auf Ihre Nummer an?

Christina Wehrlin: Auf die Nummer 147 rufen Jugendliche zu allen ihren Fragen und Sorgen an. Fragen zum Thema Sexualität, Liebe und Freundschaft kommen sehr häufig vor. Andere Themenbereiche sind persönliche Probleme wie Angst, depressive Stimmung, Selbstverletzung, Suizidgedanken, Probleme in der Familie, Gewalt, Fragen im Bereich Schule und vieles andere mehr.

Was ist wichtig, wenn Jugendliche mit Suizidgedanken anrufen?

Wenn Jugendliche mit Suizidgedanken anrufen, wissen sie in diesem Moment keinen anderen Weg mehr, um mit ihren Problemen umzugehen. Sie möchten eigentlich nicht sterben. Alles scheint in diesem dunklen Augenblick düster und ausweglos. Die Jugendlichen haben zum Beispiel Probleme in der Familie, Schwierigkeiten in der Schule, leiden an Vereinsamung, Liebeskummer, Depressionen oder haben Zoff mit Freunden. Wenn sie bei uns anrufen, sind sie aber noch ambivalent, das heisst, sie haben sich noch nicht definitiv entschieden, sich das Leben zu nehmen. Es ist sehr wichtig, dass ein Jugendlicher, der mit dem Gedanken spielt, sich etwas anzutun, in diesem Moment einfühlsame und professionelle Hilfe zur Verfügung hat.

Sind es eher Mädchen oder Jungen, die anrufen?

Es rufen mehr Mädchen als Jungen bei uns an: 57 % Mädchen, 43 % Jungen. Das Geschlechterverhältnis bei den Anrufen zum Thema Suizidalität ist: 64 % Mädchen, 36 % Jungen.

Weshalb wählen Kinder und Jugendliche das anonyme Hilfsangebot von Pro Juventute?

Die Praxis zeigt, dass es für einige Kinder und Jugendliche einfacher ist, bei Pro Juventute anzurufen, als sich Eltern oder Freunden anzuvertrauen. Es kann für sie leichter sein, über ihre Nöte zu sprechen, wenn sie wissen, dass sie ihre Identität nicht preisgeben müssen und sie jederzeit auflegen können. Unsere Hilfs- und Beratungsnummer 147 ist kostenlos, und alle Daten unterliegen dem Datenschutz.

Wie gehen Ihre Berater vor, wenn ein Jugendlicher anruft?

Es ist sehr wichtig, dass wir auch versteckte Suizidbotschaften erkennen und nachfragen, ob jemand Suizidgedanken oder konkrete Suizidabsichten hat, wenn er etwa antönt, dass er nun einfach nicht mehr mag. Wir fordern den Jugendlichen dann auf, seine Suizidabsichten wegzulegen/zu vernichten. Dann kann es je nach Umstand der Suizidalität darum gehen, konkret mit dem Hilfesuchenden zu überlegen, was für Konsequenzen die Handlung für ihn, seine Eltern oder Freunde hätte. Und in einem nächsten Schritt weiten wir den Blick und suchen Alternativen und Ressourcen. Oft kann die Situation schon während des Gesprächs beruhigt werden.

Was aber passiert, wenn Sie merken, dass ein Mensch tatsächlich in Gefahr schwebt?

Wenn wir den Eindruck haben, dass ein Mädchen oder Bub auch nach einem oder mehreren Gesprächen noch akute Suizidabsichten hat und nicht bereit ist, Hilfe in einer professionalisierten Beratungsstelle vor Ort anzunehmen, informieren wir auch gegen den Willen eines Jugendlichen die Ambulanz, den Notfallpsychiater oder die Polizei. Das kommt mehrmals pro Jahr vor. So konnten die Berater gerade vor wenigen Wochen einen Jugendlichen vor dem Suizid bewahren. Er hatte die Absicht, eine Überdosis Schlaftabletten zu nehmen.

Wie gross ist das Problem Jugendsuizid?

Suizid ist die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen zwischen 10 und 19 und die häufigste Todesursache bei den 15- bis 24-Jährigen in der Schweiz. Bei der Pro Juventute Beratung + Hilfe 147 geht jeden Tag ein Anruf von einer Person zum Thema Suizidgedanken ein. Es ist wichtig, dass das Thema nicht tabuisiert wird, und auf vielen verschiedenen Wegen versucht wird, zur Suizidprävention beizutragen. Mit der Suizidpräventionskampagne der Pro Juventute soll neben mehr öffentlichem Bewusstsein die Notrufnummer 147 für Kinder und Jugendliche breiter bekannt gemacht werden.

Wo stösst das Pro Juventute Beratungsangebot an seine Grenzen?

Unsere Beratungen sind kein therapeutisches Angebot und auch nicht geeignet für eine länger dauernde «begleitende» Beratung. Daher wird den Jugendlichen in einem zweiten oder dritten Schritt längerfristige professionelle Hilfe wie etwa Therapiemöglichkeiten oder Beratungsstellen vermittelt.

Christina Wehrlin ist Leiterin der Pro Juventute Beratung + Hilfe 147. Wehrlin ist Psychologin.

 

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